Wer einen Apfelbaum hat, kennt’s: Im Herbst wandern die schönsten Äpfel in den Keller, in den Kuchen, ins Kompott. Doch das Fallobst auf dem Boden? Wegwerfen wäre schade. Denn es gibt einen Ort, der genau daraus etwas macht – und dafür sogar etwas zurückgibt.
Das Ende des Sommers hat für Stephan Wiesböck (34) einen eigenen Geruch. Der Duft von Äpfeln versetzt ihn sofort zurück in seine Kindheit. Wenn er als kleiner Bub seinen Vater in der Arbeit besucht hat, war ihm eines sicher: ein Glas frischer Saft, direkt aus der alten Presse. Für ihn sei das der Geschmack seiner Heimat.
Vom staunenden Bub zum Chef
Bis heute bestimmen Äpfel einen Großteil seines Alltags. Seit anderthalb Jahren führt der 34-Jährige die ORO Obstverwertung in Rohrdorf. Von Ende August bis Ende Oktober werden hier täglich bis zu 120 Tonnen Äpfel zu Saft verarbeitet. Das ganze Jahr beobachtet Wiesböck das Wetter, um im Kopf das nötige Personal und die voraussichtliche Ernte zu überschlagen.



Mal kommt ein Landwirt mit einer riesigen Anhängerladung, mal ist es eine junge Frau, die einen einzelnen Kübel im Fiat 500 vorbeibringt. „Wir haben einen Nachbarn mit drei Obstbäumen im Garten, der kommt einmal in der Woche direkt mit der Schubkarre zu uns runter“, sagt Wiesböck und schmunzelt.
Ein Spiegel jedes Jahres
Vom Frühapfel bis zum späten Boskoop landet alles in der Presse, was die Region hergibt. Je nach Mischverhältnis schmeckt der Saft jedes Jahr anders. „Auch die klimatischen Bedingungen der Ernte verändern den Geschmack jedes Jahr ein bisschen, weil nicht jeder Sommer und nicht jeder Winter gleich ist“, sagt Wiesböck.
Zu schade für den Müll
Viele Leute unterschätzen laut dem 34-Jährigen den Wert ihrer Ernte: „Die Leute denken, für meine drei Äpfel, da rentiert sich das Aufsammeln nicht.“ Manchmal lande das Obst aus Ratlosigkeit auf dem Wertstoffhof. Dabei zähle für eine Kelterei, ein Betrieb zur Saftgewinnung, jeder Eimer.
„Mir blutet das Herz, wenn ich im November mit dem Hund spazieren gehe und reihenweise Äpfel unter den Bäumen faulen sehe“, so Wiesböck. Genau aus diesem Grund haben sich vor knapp 70 Jahren 44 Obstbauern zur ORO zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Überschüssiges Obst sinnvoll verwerten, anstatt es verderben zu lassen.
Der moderne Kerngedanke
Für Stephan Wiesböck ist dieser Ursprungsgedanke heute aktueller denn je. Besonders in einer Gesellschaft, in der ohnehin viel weggeworfen wird. „Wir bieten die Möglichkeit, ein Lebensmittel wertvoll zu verarbeiten und selbst noch etwas davon zu haben“, betont der Vorstandsvorsitzende.



Mit einem Saftkonto lohnt sich die Abgabe auch in kleinen Mengen. Das Prinzip: Äpfel gegen Saft. Zwölf Kilo ergeben eine Kiste – eine Ersparnis von zehn Euro im Vergleich zum Einkauf im Laden. „Ich muss den Saft auch nicht sofort mitnehmen, sondern kann ihn bis zum Ende des Folgejahres abholen“, sagt Wiesböck.
Ein Loch? Der Wurm ist längst weg
Die Angst vor kleinen Makeln ist dem Experten zufolge unnötig. Ein Loch im Apfel? Dann sei der Wurm längst draußen. Nur faulige Früchte werden aussortiert. Wiesböck erklärt: „Einen Apfel, den ich nicht essen möchte, kann ich auch nicht zu Saft machen. Nach diesem Prinzip sortieren wir von Hand aus.“
Besteht ein Apfel die Kontrolle, wandert er direkt in die Presse. Damit der Saft auf natürliche Weise haltbar bleibt, wird er schonend erhitzt. Danach lagert er gut geschützt in den großen Edelstahltanks der Kelterei, bis er in Flaschen abgefüllt wird.
Heimat zum Trinken
So schließt sich der Kreis von der Obstwiese bis auf den Frühstückstisch. Für Stephan Wiesböck sind die Säfte „Heimat im Glas“. Und beim Trinken kann sich der ein oder andere über einen schönen Gedanken freuen: Vielleicht stecken ja genau in dieser Flasche die Äpfel aus dem eigenen Garten.
