Hinter diesen roten Mauern verbirgt sich ein historisches Geheimnis.
Dieser Mann bewahrt die Geschichte. Ein Job, den es in Deutschland nur einmal gibt.
Frühmorgens steigt er hinab ins Dunkel. Vorbei an den Wasserrädern, immer tiefer.

Es ist früh am Morgen, die ersten Gäste sind noch nicht da. Sebastian Hänel (48) sperrt auf und schaltet das Licht im Quellenbau ein. 72 Stufen geht es hinab ins Dunkle, dann greift er zu Bürste und Fett. Unten ist die Luft feucht und kühl, das ganze Jahr über zwölf Grad. Zu hören ist allein das Wasser. „In der Früh ist es so angenehm, weil noch keine Leute da sind", sagt Hänel. „Man hört eigentlich nur die Geräusche, die durch das Gestänge entstehen." Es ist die Ruhe vor dem Sturm, bevor die Gäste kommen.

Der Einzige in Deutschland

Hänel arbeitet in der Alten Saline Bad Reichenhall, einem historisch bedeutenden Industriedenkmal Bayerns. Und er trägt einen Titel, den sonst niemand hat. „Ich bin der einzige Brunnenwart Deutschlands", sagt er. Stolz dringt durch seine Stimme. Wer hat schon einen Beruf, der eine solche Seltenheit ist.

Von Pumpen bis zu Reservierungen

Jeden Morgen schmiert der 48-Jährige die alten Pumpen, prüft das Stollensystem und sorgt dafür, dass die Sole nach oben kommt. Sie fließt über eine historische Leitung aus dem Salzbergwerk Berchtesgaden herüber. Danach warten Buchungen, E-Mails und Reservierungen bis zur Öffnung um zehn Uhr.

Man in a tunnel cleaning the wall with a long-handled tool.
Two men observe large industrial machinery, with one pointing upwards in a rustic, dimly lit interior.

So viel Büroarbeit hatte Hänels Vorgänger noch nicht. Alfons Brümmer (72) war jahrzehntelang selbst der Brunnenwart. Angefangen hat er 1984, insgesamt 37 Jahre lang. Eigentlich ist er längst in Rente. Trotzdem kommt er weiter – von Montag bis Freitag. „Ich komme praktisch jeden Tag her", sagt er und lacht. Er betreut die alten Maschinen und schaut nach der Naturgrotte. Warum tut er das mit 72 Jahren noch? „Es sind die alten Steine, die mich halten", sagt Brümmer. „Ich hab das mit Herz gemacht."

„Ich habe da drin gewohnt"

Brümmer ist mit der Alten Saline verwachsen. Von 1985 bis 2001 hat sogar mittendrin gewohnt, mit einer Alarmanlage in der Wohnung. Kam nachts um zwei ein Gewitter, klingelte der Alarm. Dann musste er sofort zu den großen Wasserrädern hinübergehen, damit sie sich nicht überschlagen. Einmal, im Jahr 1992, ist laut Brümmer eine Hubstange gerissen. „Da bin ich selber so erschrocken.”

A smiling man stands in a stone archway next to a historical relief and plaque with Latin text.
Two men in an old stone tunnel, one operating historical machinery, the other observing.

Solche Geschichten hat Brümmer unzählige, sein Nachfolger nennt ihn ein „wandelndes Salzlexikon". Eine davon spielt an einem Abend gegen halb sieben, als er gerade zusperren wollte. Ein schwerer Mercedes mit Standarte fuhr vor. „Ich meine, was ist denn das?", sagt Brümmer. Heraus stieg Bundespräsident Roman Herzog. Angekündigt hatte sich niemand. „Machen Sie schon zu?", fragte Herzog und bat noch um eine Führung. „Da kannst du nicht nein sagen", sagt Brümmer.

„Das möchte ich machen"

Eine weitere zufällige Begegnung sollte bedeutsam werden. Mit 16 lernte Hänel den Brunnenwart kennen, als seine damalige Freundin Gäste durch die Saline führte. Später arbeitete Hänel als Schlosser in der Neuen Saline, wo 2017 die Stellenausschreibung hing. Brümmer Nachfolger wurde gesucht. Sebastian Hänel stellte tausend Fragen und stand schließlich zum ersten Mal in der Grotte. „Dann dachte ich mir: Das gibt's ja gar nicht, das ist gewaltig. Das möchte ich machen." Er bekam die Stelle. Bis heute ist ihr Verhältnis eng.

Underground chamber with robust brick pillars, walls, and platforms, a wet reflective floor, and a netted ceiling.
„Es sind die alten Steine, die mich halten.”
Alfons Brümmer
„Das ist ein Kleinod, eine Schatzkammer."
Alfons Brümmer
„Wir glänzen mit Historie."
Sebastian Hänel
Two people stand at the end of a long, arched stone tunnel with an old wooden beam and pipes on the right.

Für Brümmer ist der Gang durch den Stollen nie Routine. Mal läuft irgendwo Wasser, mal tropft es von der Decke, dann plötzlich ein dumpfes „Bumm". Im Dunkeln, sagt er, höre er noch mehr. Die Luft ist feucht und kühl, spürbar anders als draußen. Am meisten aber ergreifen ihn die Wände selbst. Wenn er durch die Gänge geht, denkt er an die Menschen, die das alles unter Bedingungen gebaut haben, die heute kaum vorstellbar sind.

Mauerkunst aus einer anderen Zeit

„Man muss wirklich daran denken, was die Leute geleistet haben", sagt der 72-Jährige. Die Arbeiter haben die Quellen und Gehwege in Marmor gelegt. Brümmer erklärt: Marmor halte dem Salzwasser stand und zeige den Reichtum, den das weiße Gold einbrachte. Selbst die Stützpfeiler in der Grotte tragen kaum etwas, sie sind ein Beispiel für eine Mauerkunst, die es heute nicht mehr gibt. „Das ist ein Kleinod, eine Schatzkammer", sagt Brümmer.

Das schätzen auch die Besucher. Wenn sie sich in die Alte Saline wagen, staunen die Gäste laut Hänel nicht nur einmal. Das erste Mal, wenn sie das große Wasserrad sehen, und ein weiteres Mal, wenn sie die Grotte betreten. „Dann machen sie alle große Augen." Alte Technik, ein ausgemauertes Stollensystem, Geschichte zum Anfassen. „Wir glänzen mit Historie", sagt Hänel. Nur der Schreibtisch ist voller geworden, Buchungen und E-Mails gehören heute dazu. „Da hat der Alfons noch ein bisschen Glück gehabt", sagt Hänel und lacht.

Was bleibt, wenn die Gäste gehen

Was ist das Schönste an diesem Beruf? „Das Gesamtpaket", sagt Hänel. Das Gebäude, die Atmosphäre unten, die Arbeit mit dem Team und den Gästen. Jeden Morgen, wenn er auf das Haus mit der Kapelle zufährt, nimmt er es bewusst wahr. „Schöner kann man fast nicht arbeiten." Und Brümmer? Der wird erstmal jeden Tag weiter zu seinen alten Steinen kommen.

Historic brick and stone building with arched entrances, many windows, and a central gable with a clock.