Button
Als der Slackliner Friedi Kühne im Frühjahr zum ersten Mal auf dem Traunsteiner Stadtplatz stand, sah er weder Kirche noch Rathaus. Er sah zwei Türme und eine Linie dazwischen, die noch niemand gezogen hatte.
Genau dort setzt die Geschichte des Bunten Pflasters an, das Maxplatz und Stadtplatz am 12. September für einen Tag in ein ganz besonderes Straßenkunstfestival verwandeln soll. Hans-Peter Weiß, der Geschäftsführer vom Stadtmarketing Traunstein, erzählt wie alles begann – mit einer Überlegung, die ihm selbst zunächst verrückt vorkam.
Ein Traum in schwindelnder Höhe
„Wir haben zwei Wahrzeichen am Stadtplatz in Traunstein, den Jacklturm und den Turm von unserer Stadtkirche St. Oswald", sagt Weiß. Der Slackline-Künstler Kühne war zu Besuch in der Stadt, sah die beiden Türme und wusste sofort, was er wollte: ein nur 2,5 cm breites Seil zwischen ihnen, um hoch über den Köpfen der Stadt zu balancieren.
Nicht nur das, Kühne nahm sich an diesem Tag einen Weltrekord vor: Den spektakulärsten Bier-Lieferservice der Welt! Drei Flaschen Bier will er über die Slackline transportieren und hoch oben über den Dächern von Traunstein in Gläser einschenken: Je eine Flasche von den drei Traunsteiner Brauereien. „Traunstein ist Bierstadt mit einer langen Tradition", sagt Weiß. Ursprünglich habe es sogar noch mehr Brauereien in der Stadt gegeben, heute sind es noch drei – und genau die dürfen nun Teil eines Weltrekordversuchs werden.
Zwischen Denkmalschutz und Zweifel
Einfach umzusetzen ist solch ein Vorhaben nicht. Wer einen Menschen in 30 Metern Höhe über einen öffentlichen Platz balancieren lassen will, braucht mehr als eine gute Idee. Weiß erinnert sich an die Wochen, in denen aus der ersten Begeisterung erst einmal handfeste Zweifel wurden. Doch auch Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer war von der Idee begeistert und habe das Stadtmarketing Traunstein vom ersten Moment an ermutigt und unterstützt.

„Es waren juristische Fragen und Themen wie Denkmalschutz oder Statik, die uns die größten Herausforderungen gebracht haben", sagt Weiß. Fast überall, wo er anrief, bekam er dieselbe Antwort. „Egal mit wem ich geredet habe, die erste Antwort war immer: So eine Anfrage hatte ich noch nie." Selbst der Versicherer musste erst klären, wie er ein solches Wagnis absichern kann.
Traunstein hält zusammen
Aus der Not entstand Zusammenhalt. Pfarrer Konrad Roider und der Förderverein Alt-Traunstein mit seinem Vorsitzenden Christian Kegel, als Eigentümer des betroffenen Stockwerks des Jacklturms, halfen mit, die Genehmigungen Stück für Stück zusammenzubringen. „Wir haben nicht locker gelassen", sagt Weiß, „und ich glaube, jetzt sind wir alle begeistert davon, wenn das Ganze dann auch stattfinden kann."
Von der Planung ins Eingemachte
Rund um das spektakuläre Highlight auf dem Stadtplatz entwickelte Weiß seit Jahresbeginn in enger Zusammenarbeit mit Erwin Mertl, einem bewährten Partner des Stadtmarketings für das Traunsteiner Frühlingsfest oder den Christkindlmarkt, ein buntes Straßenkunstfestival. Mertl suchte - und fand - in der Folge viele andere Künstler und Attraktionen. „Am Ende hatten wir so viele tolle Ideen und Angebote, dass wir nicht nur einen Veranstaltungstag damit ausfüllen könnten“, berichtet Weiß schmunzelnd mit Blick auf die Zukunft.





Für die organisatorische Feinarbeit im Hintergrund war maßgeblich Christoph Stoiber verantwortlich, der als Teamleiter im Citymanagement für die Belebung der Innenstadt, die Betreuung des Einzelhandels und alle administrativen und kaufmännischen Fragen des Stadtmarketings verantwortlich ist. „Termine, Verträge und Konditionen mit Künstlern zu verhandeln, ist das eine, eine Idee aber mit allem, was dazugehört, auch wirklich auf die Straße zu bringen, ist dann aber doch noch mal eine andere Herausforderung", sagt Stoiber über seine Rolle bei der Umsetzung.
Kunst mit der Motorsäge
Auch der 500 Jahre alte Lindlbrunnen bekommt seinen Auftritt. Ein Motorsägenkünstler schnitzt aus einem drei Meter hohen Baumstamm eine Figur des Traunsteiner Wahrzeichens, das in der Stadt seit jeher als eine Art Beschützer gilt. Wenn es dunkel wird, wird sich der Maxplatz noch einmal verändern. Dann schweben die Stelzenläufer von HOCHKANT scheinbar mühelos über den Platz, mit Kostümen, die im Abendlicht beleuchtet sind und den Platz in einen fast schon märchenhaften Ort verwandeln. Es ist einer dieser Momente, für die Weiß und sein Team monatelang alles Organisatorische geregelt haben – damit am Ende einfach nur Staunen bleibt.


Regionalität ist für das Stadtmarketing dabei kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis. Das Kinderprogramm mit Trommelgruppe und Musikschule stammt aus Traunstein. Die Zusammenarbeit mit diesen Einrichtungen läuft seit Jahren sehr gut. Wer beim Bunten Pflaster über den Platz schlendert, soll spüren, dass hier niemand ein x-beliebiges Straßenfest kopiert hat, sondern etwas, das nur in dieser Stadt so funktioniert.
Warum der Eintritt frei bleibt
Dass der Eintritt trotzdem frei bleibt, hat mit einem Modell zu tun, das im Hintergrund läuft: Das Stadtmarketing finanziert solche Formate aus eigenem Budget und durch freiwillige Zuwendungen eines Beirats aus Mitgliedsbetrieben. Hans-Peter Weiß freut sich auf die Veranstaltung und erhofft sich eine positive Außenwirkung. Eine lebenswerte Stadt sei aber auch wichtig für die Betriebe vor Ort. „Wenn ich Mitarbeiter habe, die zufrieden sind, weil sie in einer tollen Stadt leben, dann zieht das natürlich auch Arbeitskräfte an und sichert so den Wirtschaftsstandort", sagt er.


Hans-Peter Weiß leitet das Traunsteiner Stadtmarketing mit Leidenschaft.

Gaby Stadler absolviert aktuell ein Praktikum beim Stadtmarketing.

Christoph Stoiber war maßgeblich an der Organisation des Festivals beteiligt.

Wie viel Arbeit hinter diesem Anspruch steckt, hat auch Praktikantin Gaby Stadler erlebt. Als sie im Stadtmarketing anfing, war die Planung längst angelaufen. „Es war wahnsinnig spannend, in diesem Prozess neu dabei zu sein und da mittendrin zu stecken", erzählt sie. Vor allem an der Website hat sie gearbeitet.
Woche für Woche mehr „Wow“
Damit beschäftigte Stadler vor allem die Frage, was Besucherinnen und Besucher wissen wollen, bevor sie zum Fest kommen – von den Künstlern bis zur Gastronomie und der Spendenaktion. Das Programm wuchs fast jede Woche ein Stück weiter. „Es kam noch mal so eine Überraschung um die Ecke, wo man gesagt hat: Wow, der Künstler wäre auch noch was für uns", erinnert sich Stadler.

Von 14 bis 22 Uhr verwandeln sich Maxplatz und Stadtplatz am 12. September in eine Bühne für Straßenkunst, Musik und Familienprogramm. Der Eintritt ist frei. Höhepunkt bleibt der Moment, auf den in Traunstein seit März alle hinarbeiten: Friedi Kühne balanciert über die Slackline zwischen den beiden Türmen.
Hier wird jeder unterstützt
Das Fest bekommt an diesem Tag aber noch eine zweite Bedeutung. Am Popcornstand kommt jede Spende der Aktion „…die im Dunkeln sieht man nicht" zugute. Eine Hilfe für Menschen in der Stadt, die unverschuldet in Not geraten sind.
Ein Lächeln als Lohn
Für Weiß ist am Ende ohnehin klar, wofür sich der ganze Aufwand gelohnt hat. „Wenn ich das Lachen auf den Gesichtern sehe, das ist Entschädigung für alles", sagt er. „Und wenn die Menschen mit einem Lächeln glücklich nach Hause gehen und sagen: Ich war in Traunstein und ich habe mich einfach sauwohl gefühlt, dann haben wir alles richtig gemacht."
Button


