Wenn das Gras auf den Almen hoch genug steht, ist der Winter wirklich vorbei. Nicht nur die Kühe dürfen dann zurück auf die Weide. Fünf Kuhglocken, die das Naturhaus Traunstein in den kalten Monaten als Deko schmückten, kehren zurück an den Berg. Doch bei dem Rücktransport geht es um mehr als die Glocken: Eine Geschichte über Tradition, Freundschaft und echten Zusammenhalt.
Rückkehr ins Hochtal: Wo der Sommer mit Glockenläuten beginnt
In zwei Körbchen gebettet liegen die geschmückten Glocken. Michael Jäger, Inhaber des Naturhauses, bricht mit seiner Familie zur Dandlalm auf. Der Weg führt durch den Wald auf das weitflächige Röthelmoos. Ein Hochtal, eingerahmt von Gurnwandkopf und Hörndlwand. Mit jeder Bewegung klingeln die Glocken und läuten den Almsommer ein.


Michael Jäger


Simon Haßlberger
Bis sie wieder in ihrem Zuhause ankommen: Bei Simon Haßlberger, dem Wirt der Dandlalm. „Kennengelernt haben wir uns vor ein paar Jahren über einen Spezl, durchs Berggehen und Radlfahren“, erzählt Haßlberger. Und Jäger ergänzt: „Gefühlt kennen wir uns schon immer.“ Auf die Freundschaft sei Verlass: Ob es darum geht, auf 880 Höhenmetern einen Sandkasten zu errichten, Kaiserschmarrn zu backen oder handwerklich zu helfen - die beiden unterstützen sich.
Diese Loyalität zeigt sich in allen Lebensbereichen. Deshalb darf Michael Jäger die Glocken über den Winter für seinen Laden leihen. Sie verkörpern den Ursprung des Gebäudes, denn das Naturhaus ist ein ehemaliger Kuhstall. „Das war unser Gedanke dahinter: Dieses Symbol wieder aufzugreifen“, sagt Jäger. Künstliche Requisiten seien nicht in Frage gekommen: „Die Glocken sollen nicht nur echt aussehen, sondern auch echt sein. Das unterstreicht unsere Philosophie von Ursprung, Echtheit und Tradition.”


Claudia Deindl
Das Hin und Her der Glocken symbolisiert das stetige Geben und Nehmen der beiden Freunde. Auch Tipps für die perfekte Kleidung tauschen sie – etwa für Outdoor-Bekleidung aus Merinowolle. „Seitdem Michael mir das erste T-Shirt aus seinem Laden geschenkt hat, interessiert mich Gwand aus Kunstfaser nicht mehr“, sagt der Wirt und zupft an seinem gelben Shirt. Der Stoff aus Merinowolle mache einen Unterschied wie Tag und Nacht.
Seine Partnerin Claudia Deindl ergänzt: „Wir schlafen auch in den Betten aus dem Naturhaus und legen hier oben Michis Flyer aus. Wir sind gegenseitig überzeugt von der Arbeit des anderen, das geht weit über unsere Freundschaft hinaus.“
Wenn das raue Leben auf der Alm seine eigenen Geschichten schreibt
Die drei sitzen an einem Tisch vor der Alm und stoßen an. Jeder ein Weißbier in der Hand und ein Lächeln im Gesicht. „Auch wenn ich eigentlich immer zum Arbeiten hier oben bin, fühlt es sich für mich nach Auszeit an“, sagt Jäger. Daran erinnert er sich auch im Winter, wenn sein Blick auf die Glocken in seinem Laden fällt.
Jetzt stehen sie in der Mitte des Tisches. „Die waren schon lange vor meiner Zeit am Hof. Einige sind so alt, dass sie vermutlich noch aus einer richtigen Glockenschmiede stammen“, erzählt Haßlberger. Claudia Deindl nimmt eine Glocke in die Hand und sagt: „Hier sieht man, dass sie schon mal repariert worden ist. Und sie haben einen so schönen Klang.“
Und wenn die Glocken nicht nur läuten, sondern auch erzählen könnten? „Neben frischem Gras bekommt sie jede Menge zu sehen – zum Teil brutales Wetter, Schnee im Mai und sogar Hochwasser“, sagt Haßlberger. Seine Freundin nickt und ergänzt: „Einmal dachte ich schon: Jetzt muss ich die Feuerwehr rufen. Das Wasser stand so hoch, dass ich von manchen Kühen nur noch den Kopf gesehen habe.“
Doch so wild das Wetter auf dem Röthelmoos auch werden kann – die Tiere sind hier zuhause. Und sie kommen weit herum. „Die Kühe können bis zur Hörndlwand hinaufgehen“, sagt Haßlberger. Bevor die Kühe durch das Hochgebirge wandern, werden ihnen die Glocken umgehängt. Ihr Läuten sorgt dafür, dass Simon Haßlberger und Claudia Deindl sie wiederfinden, wohin die Reise auch geht. Eine Reise, an deren Ende die Glocken wieder das Naturhaus von Michael Jäger schmücken.
